Menschen bewerten nicht Endzustände, sondern Veränderungen gegenüber einem Bezugspunkt – und der Bezugspunkt lässt sich verschieben.
Die Prospect Theory von Kahneman und Tversky (1979) ist die meistzitierte Arbeit ihres Fachs und der Grund für den Wirtschaftsnobelpreis 2002. Sie beschreibt Entscheidungen unter Unsicherheit mit drei Bausteinen, die alle drei der klassischen Theorie widersprechen.
- Bezugspunkt. Bewertet wird nicht das Endvermögen, sondern der Gewinn oder Verlust gegenüber einem Ausgangspunkt. Ob 100.000 Euro gut oder schlecht sind, hängt davon ab, ob vorher 80.000 oder 130.000 dastanden.
- Abnehmende Empfindlichkeit. Der Unterschied zwischen 0 und 100 Euro wiegt schwerer als der zwischen 1.000 und 1.100. Das gilt in beide Richtungen.
- Verzerrte Wahrscheinlichkeiten. Sehr kleine Wahrscheinlichkeiten werden überschätzt, mittlere und hohe unterschätzt.
Die Folge: Risikoverhalten kippt
| Lage | Verhalten | Im Depot |
|---|---|---|
| im Gewinn | risikoscheu – der sichere Gewinn wird bevorzugt | Gewinner werden zu früh verkauft |
| im Verlust | risikofreudig – lieber die Chance auf null als der sichere Verlust | Verlierer werden gehalten und nachgekauft |
Der dritte Baustein erklärt zwei Geschäfte, die nebeneinander widersprüchlich wirken: Dieselbe Person kauft ein Lotterielos und schließt eine Versicherung ab. Beides beruht auf der Überschätzung kleiner Wahrscheinlichkeiten – einmal des großen Gewinns, einmal des seltenen Schadens.
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