Über den Währungen der einzelnen Staaten liegt eine zweite Ebene: ein Markt, auf dem sie gegeneinander getauscht werden, und eine Rangordnung, in der eine von ihnen die Rolle des gemeinsamen Bezugspunkts übernimmt. Beides ist nicht geplant worden, beides ist gewachsen – und beides ist veränderlich.
Der größte Markt der Welt
Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich erhebt alle drei Jahre, wie viel auf dem Devisenmarkt umgesetzt wird. Für April 2022 kam sie auf 7,5 Billionen US-Dollar pro Handelstag. Zum Vergleich: Der gesamte Welthandel mit Waren und Dienstleistungen lag im selben Jahr bei rund 32 Billionen Dollar – im ganzen Jahr.
In gut vier Handelstagen wird also so viel Währung getauscht wie der gesamte Welthandel eines Jahres bewegt. Das wirft die Frage auf, wofür der Rest da ist – denn Import und Export erklären offensichtlich nur einen kleinen Bruchteil.
- Absicherung. Wer in fremder Währung einkauft, produziert oder anlegt, sichert den Kurs ab. Jede Absicherung ist ein weiteres Geschäft.
- Devisenswaps. Der mit Abstand größte Einzelposten. Zwei Parteien tauschen Währungen und vereinbaren den Rücktausch gleich mit – im Kern eine besicherte Geldaufnahme in fremder Währung, keine Wette auf den Kurs.
- Handel zwischen Händlern. Eine Kundenorder wird zwischen Banken weitergereicht, bis sie jemanden findet, der die Gegenposition halten will. Jede Weitergabe zählt als Umsatz.
- Spekulation. Der Teil, den die Öffentlichkeit für den ganzen Markt hält, ist der kleinste der vier.
Die Rangordnung der Währungen
Notenbanken halten Reserven, um im Notfall den eigenen Kurs stützen oder Importe bezahlen zu können. Welche Währungen sie dafür wählen, veröffentlicht der Internationale Währungsfonds vierteljährlich. Die Verteilung ist seit Jahrzehnten erstaunlich stabil.
| Währung | Anteil | Wodurch getragen |
|---|---|---|
| US-Dollar | rund 58 % | Tiefster Anleihemarkt der Welt, Rechnungswährung im Rohstoffhandel |
| Euro | rund 20 % | Zweitgrößter Wirtschaftsraum, aber kein gemeinsamer Anleihemarkt |
| Japanischer Yen | rund 6 % | Jahrzehnte niedriger Zinsen, hohe Auslandsvermögen |
| Britisches Pfund | rund 5 % | Alte Reservewährung, Finanzplatz London |
| Chinesischer Renminbi | rund 2 % | Große Wirtschaft, aber Kapitalverkehrskontrollen |
Die letzte Zeile erklärt, warum die Ablösung des Dollars regelmäßig angekündigt und regelmäßig nicht eintritt. Eine Reservewährung braucht nicht nur eine große Wirtschaft, sondern einen Anleihemarkt, in den man jederzeit hinein- und wieder herauskommt – und dafür muss ein Land fremdes Kapital frei ein- und ausreisen lassen. China hat sich bislang dagegen entschieden.
Was der Petrodollar ist – und was nicht
Nach dem Ende der Goldbindung suchte der Dollar eine neue Verankerung, und er fand sie im Öl. 1974 vereinbarten die Vereinigten Staaten und Saudi-Arabien eine wirtschaftliche Zusammenarbeit: Waffen und Technik gegen Öl, und die Erlöse flossen zu einem erheblichen Teil in amerikanische Staatsanleihen zurück. Da Öl ohnehin in Dollar notierte, brauchte jeder Importeur weltweit Dollar – eine Nachfrage, die nichts mit der amerikanischen Wirtschaft zu tun hat.
Der eigentliche Effekt des Petrodollar-Kreislaufs ist auch nicht die Preisstellung, sondern die Wiederanlage. Wer Öl verkauft und den Erlös nicht sofort ausgibt, muss ihn parken – und der einzige Markt, der Beträge dieser Größenordnung aufnimmt, ohne die Kurse zu verwerfen, ist der für US-Staatsanleihen. Dieser Kreislauf drückt die amerikanischen Zinsen und ist der Grund, warum ein Ölexporteur zum großen Gläubiger der Vereinigten Staaten wird.
Der Carry Trade
Wenn Zinsen zwischen Währungsräumen weit auseinanderliegen, entsteht ein naheliegendes Geschäft: dort aufnehmen, wo es fast nichts kostet, und dort anlegen, wo es etwas bringt. Der Ertrag ist die Zinsdifferenz, das Risiko ist der Wechselkurs.
Ertrag = Zins Anlagewährung − Zins Finanzierungswährung ± Kursänderung
Die ersten beiden Größen stehen bei Abschluss fest, die dritte nicht. Genau darin liegt das Geschäft – und das Problem.
Die Lehre sagt, dass das nicht funktionieren dürfte: Nach der ungedeckten Zinsparität müsste die Hochzinswährung genau so viel an Wert verlieren, wie sie an Zins mehr bringt. In der Beobachtung tut sie das über lange Strecken nicht – und dann tut sie es auf einmal. Carry-Positionen verdienen viele Monate lang wenig und verlieren an wenigen Tagen viel.
Das Lehrbuchbeispiel ist der Yen. Japan hielt seinen Leitzins jahrzehntelang bei null oder darunter, während anderswo drei bis fünf Prozent zu holen waren. Als die Bank of Japan Ende Juli 2024 auf 0,25 Prozent erhöhte, stieg der Yen binnen Tagen kräftig – und die Auflösung der Positionen traf Märkte, die mit Japan nichts zu tun hatten. Am 5. August 2024 verlor der Nikkei 12,4 Prozent, der stärkste Tagesverlust seit 1987.
Für Privatanleger ist der Carry Trade selten ein eigenes Geschäft, aber er ist ein guter Erklärer für sonst rätselhafte Tage: Wenn Aktienmärkte ohne erkennbare Nachricht gleichzeitig einbrechen und ausgerechnet eine Niedrigzinswährung dabei steigt, wird meist eine solche Position aufgelöst.
Welche Währungen sonst noch zählen
- Schweizer Franken. Der klassische Zufluchtsort. Wie stark das wirkt, zeigte der 15. Januar 2015: Die Nationalbank gab ihre Kursuntergrenze von 1,20 Franken je Euro auf, und der Franken stieg binnen Minuten um rund ein Fünftel.
- Währungen mit fester Bindung. Der Hongkong-Dollar ist seit 1983 an den US-Dollar gebunden, mehrere Golfstaaten ebenso. Diese Länder importieren damit die amerikanische Geldpolitik, ob sie zu ihrer Lage passt oder nicht.
- Sonderziehungsrechte. Keine Währung, sondern eine Recheneinheit des Währungsfonds aus fünf Währungen – Dollar, Euro, Renminbi, Yen, Pfund. Sie taucht in Verträgen und Statistiken auf, nicht im Zahlungsverkehr.
- Rohstoffwährungen. Kanadischer und australischer Dollar, norwegische Krone: Ihre Kurse hängen erkennbar an Öl-, Gas- und Metallpreisen, was sie zu einem indirekten Rohstoffengagement macht.
Was du dir merken solltest
- Der Devisenmarkt ist der größte Markt der Welt, aber der kleinste Teil davon ist Spekulation – der größte sind Swaps und Absicherung.
- Eine Leitwährung braucht keinen Beschluss, sondern einen tiefen Anleihemarkt und freien Kapitalverkehr. Daran scheitert die Ablösung des Dollars bisher.
- Der Petrodollar wirkt über die Wiederanlage der Erlöse, nicht über eine vertragliche Preisvorschrift – die es nie gab.
- Carry Trades erklären Tage, an denen alles gleichzeitig fällt, ohne dass etwas passiert wäre.
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