Ein Zwanzig-Euro-Schein ist ein bedrucktes Stück Baumwollpapier. Sein Materialwert liegt bei wenigen Cent. Trotzdem gibt jemand dafür ein Mittagessen her – nicht weil der Schein etwas wert wäre, sondern weil alle darauf vertrauen, dass der Nächste ihn ebenfalls nimmt. Geld ist eine gemeinsame Erwartung, und das ist keine Schwäche des Systems, sondern seine Bauart.
Die drei Aufgaben
Was Geld ist, lässt sich nicht am Gegenstand ablesen, sondern nur daran, was es leistet. Drei Dinge muss es können, und sie geraten regelmäßig miteinander in Konflikt.
- Tauschmittel. Ohne Geld müsste der Bäcker jemanden finden, der Brot will und zufällig genau das anbietet, was der Bäcker braucht. Geld ersetzt diese doppelte Übereinstimmung durch zwei einfache Geschäfte.
- Recheneinheit. Preise werden in einer gemeinsamen Einheit ausgedrückt. Ohne sie gäbe es für hundert Waren fast fünftausend Austauschverhältnisse, die alle jemand kennen müsste.
- Wertaufbewahrung. Wer heute verkauft, kann nächstes Jahr kaufen. Diese Aufgabe erfüllt Geld am schlechtesten – bei zwei Prozent Inflation verliert es in zwanzig Jahren ein Drittel seiner Kaufkraft.
Von der Münze zum Versprechen
Die ersten Münzen entstanden um 600 v. Chr. in Lydien, im Westen der heutigen Türkei: Klumpen aus einer Gold-Silber-Legierung, gestempelt von der Obrigkeit. Der Stempel war die eigentliche Erfindung – er ersparte das Wiegen und Prüfen bei jedem Geschäft. Wer der Prägung traute, musste dem Metall nicht mehr nachrechnen.
Der zweite Schritt kam viel später und war größer. Goldschmiede und frühe Banken gaben Quittungen über eingelagertes Metall aus, und irgendwann begannen die Leute, mit den Quittungen zu bezahlen statt mit dem Metall. Damit war die Banknote geboren: ein Einlöseversprechen. Auf britischen Pfundnoten steht der Satz bis heute – „I promise to pay the bearer on demand the sum of …“ –, obwohl seit über neunzig Jahren nichts mehr einzulösen ist.
| Form | Wodurch gedeckt | Das Problem daran |
|---|---|---|
| Warengeld | durch sich selbst – Salz, Vieh, Metall | Schwer zu transportieren, schlecht zu teilen |
| Münzgeld | durch den Metallgehalt und den Stempel | Die Obrigkeit kann den Gehalt heimlich senken |
| Gedeckte Banknote | durch einen Anspruch auf Gold beim Aussteller | Die Geldmenge hängt an der Fördermenge, nicht an der Wirtschaft |
| Fiatgeld (heute) | durch gesetzliche Anordnung und Vertrauen | Nichts hindert den Ausgeber außer seiner eigenen Regel |
Der Goldstandard bündelte diese Versprechen zwischen 1870 und 1914 zu einem Weltsystem: Jede große Währung war in Gold definiert, damit waren alle Wechselkurse fest. Nach zwei Weltkriegen wurde daraus 1944 in Bretton Woods eine Konstruktion mit einem Zwischenschritt – nur der Dollar war noch an Gold gebunden, zu 35 Dollar je Feinunze, und alle anderen Währungen an den Dollar.
Am 15. August 1971 kündigte US-Präsident Nixon die Einlösbarkeit auf. Es waren schlicht mehr Dollar im Umlauf, als Gold in Fort Knox lag, und mehrere Länder hatten begonnen, ihre Bestände einzutauschen. Seit 1973 schwanken die großen Währungen frei gegeneinander. Damit ist jede heutige Währung Fiatgeld – von lateinisch *fiat*, „es werde“. Sie gilt, weil sie für gültig erklärt wurde.
Wer heute Geld herstellt
Hier beginnt der Teil, den fast jeder falsch im Kopf hat. Es gibt nämlich zwei Sorten Geld, und die weitaus größere macht nicht die Notenbank.
- Zentralbankgeld
- Bargeld und Guthaben von Banken bei der Zentralbank
- Giralgeld
- Guthaben von Bürgern und Firmen auf Bankkonten
- Wer Giralgeld schafft
- Geschäftsbanken, bei jeder Kreditvergabe
- Anteil am Bezahlten
- Der ganz überwiegende Teil läuft über Giralgeld
Die verbreitete Vorstellung lautet: Sparer bringen Geld zur Bank, die Bank verleiht es weiter. So funktioniert es nicht. Wenn eine Bank einen Kredit über 200.000 Euro bewilligt, nimmt sie dieses Geld niemandem weg – sie schreibt es dem Kreditnehmer auf dem Konto gut und trägt gleichzeitig eine Forderung in gleicher Höhe in ihre Bücher ein. Beide Seiten der Bilanz werden länger. Das Guthaben, mit dem der Kreditnehmer anschließend das Haus bezahlt, gab es vorher nicht.
Begrenzt wird das nicht durch vorhandene Spareinlagen, sondern durch drei andere Dinge: durch die Zahl der Kreditnehmer, die zum verlangten Zins zahlungsfähig sind; durch das Eigenkapital, das die Bank je Kredit vorhalten muss; und durch den Zins, den die Zentralbank für Zentralbankgeld verlangt. Die Mindestreserve im Euroraum – ein Prozent der Einlagen – ist dabei die kleinste dieser Bremsen.
Warum Geld und Schulden zusammen wachsen
Aus dem Entstehungsweg folgt eine Eigenschaft, die das ganze System prägt: Jedem Euro Giralgeld steht ein Kredit in gleicher Höhe gegenüber. Wer seinen Kredit zurückzahlt, vernichtet dieses Geld wieder – die Gutschrift verschwindet, die Forderung ebenso. Beide Seiten der Bilanz werden kürzer.
Deshalb ist die Frage „Warum werden die Schulden nicht einfach getilgt?“ schwerer zu beantworten, als sie klingt. Würden alle Kredite gleichzeitig zurückgezahlt, bliebe kaum Geld übrig, mit dem irgendjemand irgendetwas kaufen könnte. Das ist keine Verschwörung, sondern die Kehrseite eines Systems, in dem Geld als Forderung entsteht.
Was du dir merken solltest
- Geld ist eine Forderung, kein Gegenstand. Ein Bankguthaben ist ein Anspruch gegen die Bank – deshalb gibt es überhaupt eine Einlagensicherung.
- Die Geschichte des Geldes ist eine Geschichte des Zurücktretens der Deckung: erst Metall, dann ein Anspruch auf Metall, heute gar nichts außer Vertrauen und Gesetz.
- Der größte Teil des Geldes entsteht in Geschäftsbanken bei der Kreditvergabe, nicht in der Notenbank.
- Geldmenge und Verschuldung sind zwei Seiten derselben Buchung. Tilgung vernichtet Geld.
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