Eine Fiatwährung hat keinen Rückhalt außer der Erwartung, dass man sie morgen wieder loswird. Diese Erwartung ist erstaunlich stabil – bis sie es nicht mehr ist. Dann geht es sehr schnell, und zwar nicht, weil plötzlich mehr Geld gedruckt würde, sondern weil alle gleichzeitig aufhören, es zu halten.
Die vielzitierten 27 Jahre
Wer sich mit dem Thema befasst, stößt früher oder später auf einen Satz wie diesen: „Eine Untersuchung von 775 Papierwährungen hat ergeben, dass sie im Schnitt 27 Jahre halten.“ Die Zahl taucht in Vorträgen, Büchern und Beiträgen auf, oft ohne Fundstelle. Sie ist es wert, einmal nachverfolgt zu werden – weil dabei etwas Lehrreicheres herauskommt als der Durchschnitt selbst.
Was sich dagegen nachprüfen lässt, sind die Einzelfälle. Die folgende Übersicht stellt Währungen, die tatsächlich zusammengebrochen sind, denen gegenüber, die seit Jahrhunderten laufen. Der Abstand zwischen beiden Gruppen ist die eigentliche Auskunft.
Auffällig ist nicht die Streuung, sondern das Muster dahinter: Die kurzlebigen Währungen gehören fast alle zu Staaten in Krieg, Bürgerkrieg oder Systemzusammenbruch. Wo der Staat funktioniert und die Notenbank nicht seine Kasse ist, halten Währungen sehr lange.
Wie eine Hyperinflation abläuft
Als Hyperinflation gilt üblicherweise eine Teuerung von mehr als fünfzig Prozent im Monat – eine Grenze, die der Ökonom Phillip Cagan 1956 gezogen hat. Der Ablauf ist in allen dokumentierten Fällen ähnlich und hat wenig mit der Druckerpresse zu tun, jedenfalls nicht am Anfang.
- Die Einnahmen brechen weg. Krieg, Besetzung, Systemwechsel: Der Staat kann nicht mehr genug Steuern eintreiben, hat aber weiter Ausgaben.
- Die Notenbank springt ein. Sie finanziert die Lücke – früher mit gedruckten Scheinen, heute durch Ankauf von Staatspapieren.
- Die Preise ziehen an, aber gemächlich. Noch hält jeder sein Geld, weil er annimmt, es beruhige sich wieder.
- Die Erwartung kippt. Jetzt gibt jeder das Geld sofort aus. Dieselbe Geldmenge wechselt viel häufiger den Besitzer – und wirkt dadurch wie ein Vielfaches.
- Die Währung wird umgangen. Gerechnet wird in Dollar, Zigaretten oder Eiern. Am Ende steht eine Reform: neue Währung, alte Guthaben entwertet.
Der schwerste dokumentierte Fall ist nicht Deutschland 1923, sondern Ungarn 1946: Am Höhepunkt verdoppelten sich die Preise etwa alle fünfzehn Stunden. Der Pengő wurde im August 1946 durch den Forint ersetzt, der bis heute gilt – ein Beispiel dafür, dass auf einen Zusammenbruch eine stabile Währung folgen kann, wenn der Bruch glaubwürdig ist.
Der Zusammenhang mit Staatsanleihen
Eine Staatsanleihe ist das Versprechen eines Staates, in einer bestimmten Währung zu zahlen. Wenn dieser Staat dieselbe Währung kontrolliert, sind Anleihe und Währung zwei Versprechen aus derselben Hand – und wer dem einen misstraut, misstraut auch dem anderen.
| Verschuldet in | Kann nominal immer zahlen? | Wo das Risiko liegt |
|---|---|---|
| eigener Währung | ja – die Währung ist herstellbar | in der Kaufkraft: Bedient wird mit Geld, das weniger wert ist |
| fremder Währung | nein – der Staat kann sie nicht herstellen | im Ausfall: Wer keine Dollar hat, zahlt keine Dollar zurück |
Diese Unterscheidung erklärt Fälle, die sonst widersprüchlich wirken. Japan ist mit weit über 200 Prozent der Wirtschaftsleistung verschuldet, überwiegend im eigenen Yen und im eigenen Land, und zahlt seit Jahrzehnten sehr niedrige Zinsen. Argentinien war mit einem Bruchteil davon verschuldet und ist mehrfach ausgefallen – seine Schulden lauteten auf Dollar. Nicht die Höhe entscheidet, sondern die Währung und wer die Papiere hält.
Woran man Vertrauensverlust früh sieht
- Der Wechselkurs fällt schneller als die Inflationsdifferenz. Dann ist es keine Anpassung mehr, sondern Abfluss.
- Die Rendite langlaufender Staatsanleihen steigt, während die Notenbank die Zinsen senkt. Der Markt preist Risiko ein, nicht Zinserwartung.
- Im Inland wird in einer fremden Währung gerechnet. Preise in Dollar sind das deutlichste Zeichen, weil es die eigene Recheneinheit aufgibt.
- Die Notenbank verliert ihre Unabhängigkeit. Personalwechsel und neue Zielvorgaben stehen am Anfang, nicht am Ende der Kette.
Was du dir merken solltest
- Die Zahl 27 hält keiner Prüfung stand: Sie stammt aus einer nicht nachvollziehbaren Sammlung und wirft Währungsunionen mit Zusammenbrüchen in einen Topf.
- Währungen sterben an Vertrauen, nicht an Geldmengen. Die Geldmenge ist meist die Folge, nicht die Ursache.
- Ob Schulden gefährlich sind, hängt an der Währung, auf die sie lauten – nicht an ihrer Höhe.
- Der Anleihemarkt ist die tägliche Abstimmung über beides: über den Staat und über seine Währung.
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