„Inflationsschutz“ ist ein Verkaufsargument, und wie die meisten Verkaufsargumente hält es einer genauen Prüfung nur teilweise stand. Der entscheidende Zusatz fehlt fast immer: über welchen Zeitraum.
Der Zeitraum entscheidet über alles
Aktien gelten als Sachwerte, und über lange Zeiträume trifft das zu: Unternehmen verkaufen reale Güter und Dienstleistungen und können gestiegene Kosten über die Preise weitergeben. Ihre Erträge wachsen langfristig mit dem Preisniveau mit.
Kurzfristig gilt eher das Gegenteil. In Phasen anziehender Inflation fallen Aktienkurse häufig, statt zu steigen – aus zwei Gründen. Erstens hebt die Notenbank die Zinsen, und höhere Zinsen senken den heutigen Wert künftiger Gewinne. Zweitens können Unternehmen Preise nicht sofort weitergeben; Verträge laufen, Kunden wandern ab, die Margen geraten zuerst unter Druck. Wer Aktien als kurzfristigen Inflationsschutz kauft, kauft das Falsche.
Die Kandidaten im Einzelnen
| Anlage | Wirkung | Einschränkung |
|---|---|---|
| Breite Aktienanlage | Langfristig verlässlich, weil Erträge mit dem Preisniveau wachsen | Kurzfristig oft negativ korreliert; erfordert Durchhaltevermögen über Jahrzehnte |
| Inflationsindexierte Anleihen | Direkter Schutz: Nennwert und Kupon werden an den Preisindex gekoppelt | Lohnt nur, wenn die tatsächliche Inflation über der eingepreisten Break-even-Rate liegt |
| Immobilie mit Kredit | Doppelt: Miete steigt mit dem Preisniveau, die Kreditschuld entwertet sich real | Steigende Zinsen drücken zugleich die Bewertung und die Anschlussfinanzierung |
| Gold | Über sehr lange Zeiträume Kaufkrafterhalt | Über Jahre und Jahrzehnte kein verlässlicher Zusammenhang; kein laufender Ertrag |
| Rohstoffe über Terminkontrakte | Reagieren am direktesten auf Angebotsschocks | Rollkosten in Contango können den Schutz über die Zeit vollständig aufzehren |
| Tages- und Festgeld | Kein Schutz – der Zins ist nominal vereinbart | Auch ein hoher Zins schützt nicht, wenn die Inflation höher ist |
Die inflationsindexierte Anleihe verdient eine Ergänzung, weil sie am häufigsten missverstanden wird. Sie schützt nicht vor Inflation an sich, sondern vor unerwarteter Inflation. Die erwartete Inflation ist bereits im Preis enthalten – das ist genau die Break-even-Rate. Liegt die tatsächliche Teuerung darunter, hättest du mit der normalen Anleihe mehr verdient. Es ist eine Wette auf die Abweichung, nicht auf die Richtung.
Inflation und Steuern: der Teil, der weh tut
Das deutsche Steuerrecht kennt keine Inflation. Besteuert wird der nominale Ertrag – auch dann, wenn real nichts hinzugekommen ist. Das führt zu einem Ergebnis, das viele überrascht, wenn sie es zum ersten Mal durchrechnen.
Angenommen, eine Anlage bringt 2,0 % im Jahr, die Inflation liegt bei 2,5 %. Real hast du −0,49 % verloren. Das Finanzamt sieht davon nichts: Es sieht 2,0 % Gewinn und erhebt darauf Abgeltungsteuer, Solidaritätszuschlag und gegebenenfalls Kirchensteuer – rund ein Viertel bis gut ein Viertel des nominalen Ertrags. Nach Steuern ist der reale Verlust größer als vorher.
Daraus folgt ein praktischer Punkt für die Anlagedauer. Weil Steuern erst bei Zufluss anfallen, arbeitet ein nicht ausgeschütteter Gewinn länger für dich. Bei thesaurierenden Fonds greift zwar die Vorabpauschale, aber sie ist auf den Wertzuwachs gedeckelt und damit meist deutlich kleiner als die volle Besteuerung einer Ausschüttung. Über lange Zeiträume ist dieser Steuerstundungseffekt kein Randposten.
Was du dir merken solltest
- Ohne Zeitraum ist die Aussage „schützt vor Inflation“ inhaltsleer.
- Aktien schützen langfristig, kurzfristig eher nicht – beides ist richtig.
- Inflationsindexierte Anleihen schützen vor unerwarteter Inflation; die erwartete steckt schon im Preis.
- Rohstoff-Terminkontrakte können in Contango ihren eigenen Schutz aufzehren.
- Besteuert wird nominal. Bei hoher Inflation zahlst du Steuern auf Gewinne, die es real nicht gibt.
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