Die Verteilung hat dicke Enden
Die gängigen Risikomaße unterstellen, dass Renditen normalverteilt sind – die Glockenkurve. Sind sie nicht. Tatsächliche Kursrenditen haben fette Ränder: Extreme Tage kommen um Größenordnungen häufiger vor, als das Modell zulässt.
Der Unterschied ist nicht akademisch. Unter der Glockenkurve wäre der Börsenkrach vom Oktober 1987 – ein Tagesverlust von über 20 Prozent im Dow Jones – ein Ereignis, das in der Lebensdauer des Universums nicht hätte auftreten dürfen. Er trat auf. Wer Risiko über die Standardabweichung steuert, unterschätzt systematisch genau die Fälle, auf die es ankommt.
Sequenzrisiko: dieselbe Durchschnittsrendite, zwei Ergebnisse
Wer nur anspart und nichts entnimmt, dem ist die Reihenfolge der Renditejahre gleichgültig – am Ende steht dasselbe Ergebnis, ob die guten Jahre am Anfang oder am Schluss lagen. Sobald regelmäßig Geld entnommen wird, ändert sich das grundlegend.
Fallen die schlechten Jahre an den Anfang der Entnahmephase, werden Anteile zu niedrigen Kursen verkauft. Diese Anteile fehlen dauerhaft – die spätere Erholung findet auf einem kleineren Bestand statt. Wie groß der Unterschied wird, lässt sich ausrechnen: Bei 500.000 € Startkapital, 24.000 € Entnahme im Jahr und 12 Jahren mit im Mittel 3,3 % Rendite stehen am Ende 516.303 € gegen 166.462 € – dieselben Renditen, dieselbe Entnahme, nur eine andere Reihenfolge.
Tragfähigkeit ist nicht Bereitschaft
Zwei Fragen werden regelmäßig vermengt und haben nichts miteinander zu tun.
| Risikotragfähigkeit | Risikobereitschaft | |
|---|---|---|
| Frage | Wie viel Verlust kann ich verkraften, ohne dass mein Leben sich ändert? | Wie viel Verlust halte ich aus, ohne nachts wach zu liegen? |
| Bestimmt durch | Einkommen, Rücklagen, Verpflichtungen, Zeithorizont – nachrechenbar | Charakter und Erfahrung – nicht nachrechenbar |
| Ändert sich | Mit den Lebensumständen | Mit der Marktlage, und zwar meist im ungünstigsten Moment |
Maßgeblich ist die kleinere der beiden. Wer viel tragen könnte, es aber nicht aushält, verkauft im Rückgang – und realisiert damit genau den Verlust, den er sich rechnerisch hätte leisten können. Ein Depot, das nicht durchgehalten wird, ist unabhängig von seiner Konstruktion das falsche.
Was du dir merken solltest
- Renditeverteilungen haben fette Ränder – Modelle unterschätzen genau die Fälle, auf die es ankommt.
- Szenarien schlagen Wahrscheinlichkeiten: Was tue ich bei minus 50 Prozent?
- In der Entnahmephase entscheidet die Reihenfolge der Renditen, nicht ihr Durchschnitt.
- Maßgeblich ist die kleinere von Tragfähigkeit und Bereitschaft.
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