Risiko lässt sich nicht messen. Messen lässt sich nur, wie stark etwas in der Vergangenheit geschwankt hat – und das ist etwas anderes. Alle folgenden Kennzahlen sind trotzdem nützlich, wenn man weiß, was sie nicht sagen.
Volatilität
Die Volatilität ist die Standardabweichung der Renditen, üblicherweise auf ein Jahr hochgerechnet. Sie beantwortet: Wie weit lagen die einzelnen Tagesergebnisse typischerweise vom Durchschnitt entfernt?
| Anlage | Jahresvolatilität, grob |
|---|---|
| Tagesgeld | nahe 0 % |
| Kurzlaufende Staatsanleihen | 2 bis 4 % |
| Breiter Aktienindex | 12 bis 20 % |
| Einzelaktie | 25 bis 50 % |
| Kryptowährungen | oft über 60 % |
Maximaler Rückgang
Der maximale Rückgang – auf Englisch Maximum Drawdown – ist der größte Abstand von einem Hoch bis zum darauffolgenden Tief. Er ist die ehrlichere Zahl, weil sie beschreibt, was man tatsächlich aushalten musste. „Volatilität 18 Prozent“ sagt einem Menschen wenig; „das Depot stand zwei Jahre lang 40 Prozent im Minus“ sagt ihm alles.
Dazu gehört eine zweite Angabe, die oft fehlt: die Erholungsdauer. Der Rückgang selbst dauert oft Monate, das Zurückkommen Jahre. Wer beides kennt, kann die Frage beantworten, auf die es ankommt – hätte ich das durchgehalten?
Sharpe-Verhältnis und Beta
Sharpe = (Rendite − risikoloser Zins) ÷ Volatilität
Wie viel Überrendite je Einheit Schwankung erwirtschaftet wurde. Höher ist besser. Vergleichbar nur zwischen Anlagen desselben Zeitraums – und nur, solange man der Volatilität als Risikomaß traut.
Das Beta misst, wie stark sich ein Wert relativ zum Gesamtmarkt bewegt. Ein Beta von 1,3 heißt: Steigt der Markt um 10 Prozent, stieg dieser Wert historisch um 13 – und fiel entsprechend stärker. Ein Beta unter 1 bedeutet ruhigeren Verlauf, nicht weniger Risiko: Ein Unternehmen kann ein Beta von 0,6 haben und trotzdem insolvent gehen.
Korrelation: der einzige kostenlose Hebel
Zwei Anlagen mit je 20 Prozent Volatilität ergeben zusammen nicht zwangsläufig 20 Prozent. Bewegen sie sich nicht im Gleichschritt, gleichen sich Ausschläge teilweise aus – und die Schwankung des Ganzen liegt unter dem Durchschnitt der Teile, ohne dass Rendite geopfert wurde. Das ist der einzige Punkt bei der Geldanlage, an dem es tatsächlich etwas umsonst gibt.
Die Risiken, für die es keine Kennzahl gibt
Jede Zahl auf dieser Seite misst dasselbe: wie stark ein Kurs in der Vergangenheit geschwankt hat. Das ist eine Eigenschaft der Reihe, nicht der Anlage. Die drei Risiken, die Depots tatsächlich beschädigt haben, tauchen in keiner dieser Kennzahlen auf, weil sie sich vorher nicht in Kursen zeigen.
| Risiko | Warum keine Zahl es fängt | Was stattdessen hilft |
|---|---|---|
| Gegenpartei | Ein Emittent, ein Broker oder eine Bank kann ausfallen. Bis zum Tag davor sieht die Kursreihe normal aus – Lehman-Zertifikate hatten eine unauffällige Volatilität | Sondervermögen statt Schuldverschreibung, mehrere Institute, Einlagensicherung kennen |
| Liquidität | Volatilität misst Preise, die zustande kamen. Sie kann nicht messen, dass zeitweise gar kein Preis zustande kommt – bei Nebenwerten, offenen Immobilienfonds und Anleihen kleiner Emittenten | Auf Handelsvolumen und Spread achten, nicht nur auf die Kursreihe |
| Konzentration | Ein Index mit 1.600 Titeln kann zu einem Drittel aus zehn Unternehmen bestehen. Die Kennzahl des Index sieht breit gestreut aus, die Beteiligung ist es nicht | In die Zusammensetzung sehen, nicht auf die Zahl der Positionen |
| Verhalten | Das größte Risiko sitzt vor dem Bildschirm und kommt in keiner Zeitreihe vor. Wer im Rückgang verkauft, verwandelt eine Schwankung in einen Verlust | Regeln vorher aufschreiben, seltener hinsehen, automatisieren |
Nominal ist nicht real
Eine Anlage ohne Schwankung ist nicht risikofrei. Tagesgeld hat eine Volatilität von null und verliert trotzdem Kaufkraft, sobald die Teuerung über dem Zins liegt. Der Verlust ist deshalb so gefährlich, weil er nie auf dem Kontoauszug erscheint: Der Betrag steht unverändert da, nur die Menge Ware dahinter schrumpft.
Wie viel Risiko passt – drei Fragen statt eines Fragebogens
- Wann brauche ich das Geld? Die Antwort setzt die Obergrenze. Was in drei Jahren gebraucht wird, gehört nicht in etwas, das drei Jahre zur Erholung braucht – unabhängig von jeder Risikoneigung.
- Was passiert, wenn es schiefgeht? Nicht „wie fühle ich mich dabei", sondern: Muss ich dann verkaufen? Wer verkaufen *muss*, trägt ein anderes Risiko als wer aussitzen kann, bei identischem Depot.
- Halte ich es aus, ohne etwas zu tun? Die ehrlichste Antwort ergibt sich aus dem letzten Rückgang, den man selbst erlebt hat – nicht aus einem angekreuzten Kästchen in ruhiger Lage.
Die ersten beiden Fragen sind Rechenaufgaben und haben eine überprüfbare Antwort. Die dritte ist eine Erfahrungsfrage, und sie ist die einzige, bei der man sich selbst belügen kann. Deshalb steht sie zuletzt: Wer die ersten beiden sauber beantwortet, braucht bei der dritten oft weniger Mut, als er dachte.
Was du dir merken solltest
- Volatilität misst Schwankung, nicht Risiko – und behandelt Gewinne wie Verluste.
- Der maximale Rückgang samt Erholungsdauer beschreibt besser, was auszuhalten war.
- Ein niedriges Beta ist kein Schutz vor einer Insolvenz.
- Geringe Korrelation senkt Schwankung ohne Renditeverzicht – hält aber im Ernstfall am wenigsten.
- Gegenpartei, Liquidität, Konzentration und das eigene Verhalten stehen in keiner Kennzahl.
- Null Schwankung ist nicht null Risiko: Kaufkraftverlust erscheint auf keinem Auszug.
- Der Zeitpunkt, zu dem das Geld gebraucht wird, setzt die Obergrenze – vor jeder Risikoneigung.
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