Dein Geld liegt auf dem Konto und die Zahl darauf ändert sich nicht. Trotzdem kannst du dir davon jedes Jahr etwas weniger kaufen. Das ist Inflation: nicht dein Geld wird weniger, sondern das, was du dafür bekommst.
Wie die Rate zustande kommt
Das Statistische Bundesamt führt einen Warenkorb – rund 700 Güter und Dienstleistungen, von Brot über Miete bis zur Autoversicherung. Jeder Posten bekommt ein Gewicht danach, wie viel ein durchschnittlicher Haushalt dafür ausgibt. Die Miete wiegt schwer, Salz wiegt fast nichts.
Jeden Monat werden für diesen Korb Hunderttausende Preise erhoben. Die Inflationsrate ist dann der Vergleich mit demselben Monat des Vorjahres – nicht mit dem Vormonat. Steht in den Nachrichten „Inflation im Juni bei 2,3 Prozent“, heißt das: Der Warenkorb kostet 2,3 Prozent mehr als im Juni des Vorjahres.
Deine persönliche Rate ist fast nie die veröffentlichte. Wer zur Miete wohnt und pendelt, spürt Mietsteigerungen und Spritpreise stärker als jemand mit abbezahltem Haus im Ort. Die amtliche Zahl beschreibt einen Durchschnittshaushalt, den es so nicht gibt – das ist keine Schwäche der Statistik, sondern die Natur eines Durchschnitts.
Der häufigste Denkfehler
Wenn die Inflationsrate von 6 auf 2 Prozent fällt, wird nichts billiger. Die Preise steigen nur langsamer weiter. Der Sprung der Vorjahre bleibt vollständig im System – er wird nicht zurückgenommen.
Das erklärt eine Beobachtung, die vielen widersprüchlich vorkommt: Die Rate sinkt, die Nachrichten melden Entspannung, und im Supermarkt ist alles trotzdem teuer. Beides stimmt. Die Rate misst die Geschwindigkeit, nicht den Stand.
Was das mit deinem Ersparten macht
Nimm 10.000 €, die unverzinst liegen bleiben, und eine Inflationsrate von 2,5 % im Jahr. Die Zahl auf dem Konto bleibt gleich. Was du dafür kaufen kannst, nicht:
| Nach | Kaufkraft in heutigem Geld | Verlust | Nötig für dieselbe Menge |
|---|---|---|---|
| 10 Jahren | 7.812 € | 21,9 % | 12.801 € |
| 20 Jahren | 6.103 € | 39,0 % | 16.386 € |
| 30 Jahren | 4.767 € | 52,3 % | 20.976 € |
Nach 30 Jahren sind aus 10.000 € real 4.767 € geworden – ein Verlust von 52,3 %, ohne dass irgendjemand etwas abgebucht hätte. Bei dieser Rate halbiert sich die Kaufkraft in rund 28 Jahren.
Realzins: die einzige Zahl, die zählt
Ein Zins von 2,0 % klingt nach Zuwachs. Liegt die Inflation bei 2,5 %, ist er keiner: Der Realzins beträgt −0,49 %. Du hast am Jahresende mehr Geld und kannst dir weniger davon kaufen.
Realzins = (1 + Nominalzins) ÷ (1 + Inflationsrate) − 1
Genau genommen ein Quotient, nicht eine Differenz. Bei kleinen Raten ist der Unterschied zur einfachen Subtraktion gering; bei hohen Raten wird er spürbar.
10.000 € bei 2,5 Prozent Inflation und 6 Prozent Rendite über 20 JahreWoher Inflation kommt
Preise steigen nicht von selbst. Es gibt drei Ursachen, und sie verlangen unterschiedliche Antworten – deshalb lohnt die Unterscheidung, auch wenn sie in der Praxis meist gemeinsam auftreten.
| Art | Was passiert | Woran man sie erkennt |
|---|---|---|
| Nachfrageinflation | Es wird mehr gekauft, als produziert werden kann – die Preise räumen den Markt | Wächst mit guter Konjunktur und niedriger Arbeitslosigkeit |
| Angebotsinflation | Etwas wird teurer oder knapp: Energie, Vorprodukte, Transportwege | Kommt plötzlich, oft von außen, und trifft breite Teile des Warenkorbs zugleich |
| Erwartungsinflation | Alle rechnen mit steigenden Preisen und handeln danach – Löhne und Preise ziehen einander nach | Die gefährlichste, weil sie sich selbst trägt und ohne Auslöser weiterläuft |
Was gegen Inflation hilft – und was nicht
Es gibt keinen perfekten Schutz. Es gibt Anlagen, die über lange Zeiträume mit den Preisen mitgewachsen sind, und solche, die es nicht getan haben.
- Produktivvermögen wächst tendenziell mit. Unternehmen verkaufen Waren und Dienstleistungen; steigen deren Preise, steigen auf Dauer auch Umsätze und Gewinne. Das ist kein Automatismus und funktioniert kurzfristig schlecht – bei einem Preisschub fallen Aktien zunächst regelmäßig –, aber über Jahrzehnte ist es der verlässlichste Weg.
- Immobilien wirken ähnlich, mit einem Zusatz: Ein Kredit in Euro verliert real an Gewicht, wenn das Geld weniger wert wird. Wer Schulden hat, gehört bei Inflation zu den Gewinnern – solange das Einkommen mitzieht und der Zins fest ist.
- Gold hat über sehr lange Zeiträume die Kaufkraft ungefähr gehalten. Über zehn oder zwanzig Jahre kann es deutlich daneben liegen; als Versicherung mit schwankendem Preis, nicht als Inflationsausgleich.
- Inflationsindexierte Anleihen koppeln Zins und Rückzahlung an den Preisindex. Sie sind das einzige Instrument, das direkt an die Rate gebunden ist – dafür bezahlt man einen Aufschlag, wenn hohe Inflation ohnehin erwartet wird.
- Nicht hilft: Tagesgeld über den Notgroschen hinaus, Bargeld und alles mit fester Verzinsung unter der Inflationsrate. Sie verlieren planmäßig, und zwar umso mehr, je länger sie liegen.
Was du dir merken solltest
- Die Inflationsrate vergleicht mit dem Vorjahresmonat und misst Geschwindigkeit, nicht Preisniveau.
- Eine fallende Rate bedeutet nicht fallende Preise – der Anstieg der Vorjahre bleibt.
- Deine persönliche Rate weicht ab, weil dein Warenkorb ein anderer ist.
- Drei Ursachen: Nachfrage, Angebot, Erwartung. Die dritte trägt sich selbst und ist die gefährlichste.
- Produktivvermögen wächst auf Dauer mit; Bargeld und feste Zinsen unter der Rate verlieren planmäßig.
- Erst der Realzins sagt, ob du reicher geworden bist. Nominal ist eine Zahl, real ist ein Ergebnis.
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