Warum sich der Kurs bewegt
Der Kupon einer Anleihe ist festgeschrieben und ändert sich nie. Wenn sich das Zinsniveau ändert, muss sich also etwas anderes anpassen – und das ist der Kurs. Eine Anleihe mit 2 % Kupon ist unattraktiv, sobald neue Papiere 4 % zahlen. Kaufen wird sie nur, wer sie so günstig bekommt, dass unter dem Strich dieselbe Rendite herauskommt.
Rechnerisch ist der Kurs nichts anderes als der Barwert aller künftigen Zahlungen: alle Kupons plus die Rückzahlung, jeweils mit dem aktuellen Marktzins abgezinst. Steigt der Marktzins, wiegen künftige Zahlungen weniger – der Kurs fällt. Und je länger die Restlaufzeit, desto mehr Zahlungen sind betroffen.
| Restlaufzeit | Kurs in % vom Nennwert | Verlust gegenüber 100 |
|---|---|---|
| 2 Jahre | 96,23 | − 3,8 % |
| 5 Jahre | 91,10 | − 8,9 % |
| 10 Jahre | 83,78 | − 16,2 % |
| 20 Jahre | 72,82 | − 27,2 % |
Dieselbe Zinsbewegung, viermal derselbe Kupon – und der Kursverlust reicht von wenigen Prozent bis über ein Viertel. Die Restlaufzeit ist der Hebel, nicht die Zinsänderung. Das ist die Erklärung dafür, warum 2022 langlaufende Anleihen zweistellig verloren haben, obwohl an ihrer Bonität nichts auszusetzen war.
Dazu kommen die Stückzinsen: Wer zwischen zwei Zinsterminen kauft, zahlt dem Verkäufer den bis dahin aufgelaufenen Zinsanteil zusätzlich zum Kurs. Das ist kein Aufschlag, sondern eine Verrechnung – beim nächsten Kupontermin bekommst du den vollen Kupon, also auch den Teil, der dem Verkäufer zustand.
Duration: die Zinsempfindlichkeit in einer Zahl
Die modifizierte Duration beantwortet die Frage, wie stark der Kurs auf eine Zinsänderung reagiert. Sie wird in Jahren angegeben und lässt sich direkt lesen: Duration 8 heißt, dass ein Prozentpunkt mehr Zins etwa acht Prozent Kurs kostet.
| Restlaufzeit | Modifizierte Duration | Erwartete Kursänderung je Prozentpunkt |
|---|---|---|
| 2 Jahre | 1,94 Jahre | ∓ 1,9 % |
| 5 Jahre | 4,71 Jahre | ∓ 4,7 % |
| 10 Jahre | 8,98 Jahre | ∓ 9,0 % |
| 20 Jahre | 16,35 Jahre | ∓ 16,4 % |
Die Duration liegt immer unter der Laufzeit, sobald es Kupons gibt – ein Teil des Geldes fließt ja früher zurück. Bei einer Nullkuponanleihe fallen beide zusammen, weil alles am Ende kommt. Und je höher der Kupon, desto kürzer die Duration bei gleicher Laufzeit.
Wo die Faustformel danebenliegt
Die Durationsregel ist eine Näherung, und sie ist an einer Stelle systematisch falsch. Für die zehnjährige Anleihe aus der Tabelle – 2 % Kupon bei 2 % Marktzins, also Kurs 100 – sieht der Vergleich so aus:
| Zinsänderung | Näherung | Tatsächlich | Neuer Kurs |
|---|---|---|---|
| + 1 % | −9,0 % | −8,5 % | 91,47 |
| + 2 % | −18,0 % | −16,2 % | 83,78 |
| − 1 % | 9,0 % | 9,5 % | 109,47 |
| − 2 % | 18,0 % | 20,0 % | 120,00 |
Einzelanleihe oder Anleihefonds?
Der Unterschied ist größer, als er aussieht. Eine Einzelanleihe hat einen Endtermin: Wer bis zur Fälligkeit hält und der Schuldner zahlt, bekommt den Nennwert – gleichgültig, was der Kurs zwischendurch gemacht hat. Der Buchverlust löst sich mit der Zeit von selbst auf.
Ein Anleihefonds hat keinen Endtermin. Er hält laufend Papiere einer bestimmten Restlaufzeit und ersetzt fällige durch neue. Ein Kursverlust verschwindet hier nicht automatisch – er wird durch die höheren Kupons der neu gekauften Papiere erst über einen Zeitraum aufgeholt, der ungefähr der Duration des Fonds entspricht. Dafür bekommt man Streuung über viele Emittenten, die mit einzelnen Papieren kaum zu erreichen ist.
Bonität einschätzen
| Bereich | Stufen | Einordnung |
|---|---|---|
| Investment Grade | AAA bis BBB− | Ausfälle sind historisch selten; viele institutionelle Anleger dürfen nur hier kaufen |
| High Yield | BB+ und darunter | Deutlich höhere Ausfallraten, entsprechend höhere Kupons. Früher „Junk Bonds“ |
| Ausfall | D | Zahlung ist ausgeblieben oder das Verfahren läuft |
Der Credit Spread ist der Aufschlag gegenüber einer als sicher geltenden Staatsanleihe gleicher Laufzeit. Er ist die Meinung des Marktes über das Ausfallrisiko – und er bewegt sich täglich, während ein Rating monatelang unverändert bleibt. Wer wissen will, was der Markt gerade denkt, schaut auf den Spread, nicht auf den Buchstaben.
Was du dir merken solltest
- Der Kurs ist der Barwert aller Zahlungen – steigt der Marktzins, fällt er.
- Die Restlaufzeit ist der Hebel: Dieselbe Zinsbewegung wirkt bei zwanzig Jahren um ein Vielfaches stärker als bei zwei.
- Die Durationsregel ist eine Näherung, die bei großen Sprüngen zu pessimistisch ist – nie zu optimistisch.
- Die Einzelanleihe holt Buchverluste durch die Fälligkeit auf, der Fonds über die Zeit seiner Duration.
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