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Derivat · Stufe 1 von 3

Warum es Verträge auf Kurse gibt

Die Grundidee, der Ursprung im Warenhandel – und was ein Hebel praktisch bedeutet.

Beginner11 Min. LesezeitAusgearbeiteter Text4 Quizfragen
10:44 übrig

Derivate gelten als Erfindung der Finanzindustrie und als besonders undurchsichtig. Beides stimmt nicht. Die Grundidee ist mehrere tausend Jahre alt und stammt aus der Landwirtschaft: Ein Bauer und ein Müller vereinbaren im Frühjahr den Preis für die Ernte im Herbst. Beide wissen dann, woran sie sind – unabhängig davon, wie der Preis sich tatsächlich entwickelt.

Genau das ist ein Derivat: ein Vertrag, dessen Wert sich von etwas anderem ableitet – lateinisch *derivare*. Der Vertrag selbst hat keinen eigenen Wert. Was er wert ist, hängt allein daran, wo der Weizenpreis, der Aktienkurs oder der Wechselkurs am Ende steht.

Dasselbe Werkzeug, zwei Zwecke

Absicherung und Spekulation im selben Vertrag
AbsicherungSpekulation
AusgangslageMan besitzt oder braucht den BasiswertMan besitzt ihn nicht
ZweckEin bestehendes Risiko abgebenEin neues Risiko eingehen
BeispielDer Landwirt verkauft seine Ernte im VorausJemand ohne Feld kauft denselben Kontrakt
WirkungPlanbarkeit – auf Kosten möglicher GewinneGehebelte Beteiligung an einer Kursbewegung

Beide brauchen einander. Ohne Spekulanten fände der Landwirt keinen Vertragspartner – wer sonst würde ihm das Preisrisiko abnehmen? Deshalb ist die Frage nicht, ob Derivate gut oder schlecht sind, sondern auf welcher Seite man steht.

Wie der Hebel entsteht

Für ein Derivat wird nicht der volle Gegenwert bezahlt, sondern nur eine Sicherheit. Wer 1.000 € hinterlegt, steuert damit eine deutlich größere Position – und daraus ergibt sich alles Weitere:

Sicherheitsleistung, Hebel und Wirkung – Einsatz jeweils 1.000 €
SicherheitHebelGesteuerte PositionBei 5 % KursbewegungEinsatz weg bei
50 %2×2.000 €± 10 %50 % gegen dich
20 %5×5.000 €± 25 %20 % gegen dich
10 %10×10.000 €± 50 %10 % gegen dich
5 %20×20.000 €± 100 %5 % gegen dich
2 %50×50.000 €± 250 %2 % gegen dich

Drei Dinge, die vorher klar sein müssen

  1. Verluste können den Einsatz übersteigen. Bei Futures und einigen anderen Konstruktionen gibt es eine Nachschusspflicht: Reicht die Sicherheit nicht, muss nachgezahlt werden. Für Privatanleger in der EU ist das bei CFDs untersagt – bei anderen Produkten nicht.
  2. Manche Derivate verlieren auch ohne Kursbewegung. Optionen verlieren Zeitwert, gehebelte Produkte tragen Finanzierungskosten. Wer nichts tut, verliert trotzdem – das ist bei einer Aktie anders.
  3. Für den Vermögensaufbau braucht man das nicht. Derivate lösen ein Problem, das die meisten Privatanleger nicht haben. Wer keinen konkreten Absicherungsbedarf hat, hat keinen Grund für den Einsatz – und die Werbung für Hebelprodukte richtet sich fast ausschließlich an Menschen ohne diesen Bedarf.
Der Hebel ist der Kehrwert der Sicherheitsleistung. Der Preis dafür steht rechts: die Kursbewegung, nach der nichts mehr da ist.

Die vier Grundformen

Hinter den vielen Produktnamen stecken vier Bauformen. Wer sie unterscheiden kann, ordnet jedes Angebot in einer Minute ein – der entscheidende Unterschied liegt darin, ob man darf oder muss.

Recht oder Pflicht, und wer wem gegenübersteht
FormKernWichtigste Eigenschaft
Termingeschäft (Future)Beide Seiten müssen zum vereinbarten Preis erfüllenSymmetrisch – Gewinn und Verlust unbegrenzt; börsengehandelt und standardisiert
OptionDer Käufer darf, der Verkäufer mussAsymmetrisch: Der Käufer verliert höchstens die Prämie, der Verkäufer theoretisch unbegrenzt
SwapZwei Parteien tauschen laufende Zahlungen, etwa fest gegen variabelZwischen Banken und Unternehmen üblich, für Privatanleger ohne Bedeutung
ZertifikatEine Bank verpackt eine Auszahlungsformel in ein WertpapierRechtlich eine Schuldverschreibung – geht die Bank unter, ist es wertlos

Wo Derivate im Alltag vorkommen, ohne so zu heißen

Man begegnet ihnen häufiger, als es scheint – meist auf der nützlichen Seite und ohne dass jemand das Wort benutzt.

  • Der feste Zins für zehn Jahre in einem Immobilienkredit ist genau das, was der Landwirt macht: Der Preis für die Zukunft wird heute festgelegt. Die Bank sichert das Risiko dahinter ihrerseits mit Zinsderivaten ab.
  • Der währungsgesicherte ETF hält laufend Devisentermingeschäfte. Sie sind der Grund, warum die Absicherung die Zinsdifferenz kostet.
  • Die Fluggesellschaft, die günstiger fliegt als die Konkurrenz, hat oft nur ihren Kerosinbedarf früher abgesichert. Dasselbe gilt für Energieversorger und Lebensmittelhersteller.
  • Auch eine Versicherung ist im Kern eine Option: Man zahlt eine Prämie und hat dafür das Recht, im Schadensfall eine Zahlung zu verlangen.

Das ordnet auch den Ruf ein. Derivate sind ein Werkzeug zur Verschiebung von Risiko, und in der Wirtschaft übernehmen sie diese Aufgabe unauffällig und nützlich. Was gefährlich ist, ist nicht das Werkzeug, sondern seine Verwendung mit hohem Hebel durch jemanden, der das Risiko gar nicht loswerden, sondern aufnehmen will.

Was du dir merken solltest

  • Ein Derivat leitet seinen Wert von einem Basiswert ab und hat selbst keinen.
  • Absicherung und Spekulation benutzen denselben Vertrag – der Unterschied liegt darin, ob man den Basiswert besitzt.
  • Der Hebel ergibt sich aus der Sicherheitsleistung; bei Hebel 20 kostet eine Bewegung von 5 Prozent den gesamten Einsatz.
  • Vier Bauformen: Future und Swap verpflichten beide Seiten, die Option nur den Verkäufer, das Zertifikat ist eine Bankschuld.
  • Zertifikate und Optionsscheine tragen zwei Risiken: den Basiswert und die ausgebende Bank.
  • Ohne konkretes Absicherungsbedürfnis gibt es für Privatanleger keinen Grund, Derivate einzusetzen.

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