Wer lange genug anlegt, erlebt mehrere große Rückgänge. Das ist keine Warnung, sondern eine Beschreibung: In der Geschichte der Aktienmärkte sind Einbrüche von zwanzig Prozent und mehr regelmäßige Ereignisse. Wer das vorher weiß, reagiert anders, als wenn es ihn überrascht.
Fünf Ereignisse im Vergleich
| Ereignis | Auslöser | Ausmaß und Dauer |
|---|---|---|
| 1929 und die Folgejahre | Spekulation auf Kredit, dann eine einbrechende Realwirtschaft | Der schwerste Fall: rund 85 Prozent Rückgang über drei Jahre, die Erholung dauerte etwa ein Vierteljahrhundert |
| 1987, Schwarzer Montag | Kein klarer fundamentaler Anlass; automatisierte Absicherungsprogramme verstärkten den Fall | Rund 20 Prozent an einem einzigen Tag – und binnen etwa zwei Jahren aufgeholt |
| 2000 bis 2003, Dotcom | Bewertungen von Technologiewerten ohne Gewinne | Breite Indizes verloren rund die Hälfte, Technologieindizes fast vier Fünftel. Erholung über Jahre, bei Technologie über ein Jahrzehnt |
| 2008, Finanzkrise | Immobilienkredite, Verbriefungen und ein Bankensystem am Rand | Rund 50 Prozent Rückgang, Erholung in einigen Jahren – begleitet von beispiellosen Notenbankeingriffen |
| 2020, Pandemie | Ein exogener Schock und weltweite Stilllegungen | Rund ein Drittel Rückgang in wenigen Wochen – der schnellste Einbruch dieser Größe und die schnellste Erholung |
Das gemeinsame Muster
- Vorher: wachsende Zuversicht. Kurse steigen über längere Zeit, Erklärungen dafür werden nachgeliefert, Vorsicht wirkt rückständig.
- Der Auslöser. Ein Ereignis lässt die Erwartungen kippen. Es ist oft klein im Verhältnis zur Reaktion – der Auslöser ist nicht die Ursache, sondern der Moment, in dem die Ursache sichtbar wird.
- Die Verstärkung. Wer auf Kredit gekauft hat, muss verkaufen. Diese Verkäufe drücken die Preise, was weitere Verkäufe erzwingt. Die Bewegung wird von der Mechanik getragen, nicht mehr von Einschätzungen.
- Die Erholung. Sie kam bisher immer – aber ihre Dauer schwankte zwischen Monaten und Jahrzehnten. Wer sie erleben will, muss dabei sein.
Was in den eigenen Daten steht
Man muss nicht bis 1929 zurückgehen. Die Kursdaten dieser Website reichen fünf Jahre zurück – eine Zeit ohne historische Katastrophe. Auch darin steckt ein Rückgang von −24,4 %, vom 15. November 2021 bis zum 3. Oktober 2022.
Der Krisenplan, den man vorher schreibt
Er passt auf eine halbe Seite und ist genau dann etwas wert, wenn er schon existiert. Wer ihn während des Rückgangs aufsetzt, schreibt ihn unter dem Eindruck des Rückgangs – und dann steht darin, was sich in dem Moment gut anfühlt.
- Was ich besitze und warum. Ein Satz je Position. Wenn die Begründung im Rückgang noch gilt, ist der Kurs kein Grund zum Verkaufen.
- Wann ich das Geld brauche. Die einzige Zahl, die im Rückgang wirklich zählt. Liegt der Termin zwanzig Jahre entfernt, ist ein Minus von dreißig Prozent heute eine Anzeige und kein Ereignis.
- Was ich tue, wenn es fällt. Sparplan weiterlaufen lassen. Punkt. Wer die Rate erhöhen will, legt jetzt fest, ab welchem Rückgang – und woher das Geld kommt.
- Was ich nicht tue. Keine Verkäufe ohne 48 Stunden Abstand. Keine neuen Produkte, die ich vorher nicht verstanden hatte. Kein tägliches Nachsehen.
- Wann ich wieder hinschaue. Ein fester Termin im Jahr. Nicht dann, wenn die Nachrichten es nahelegen.
Warum man aus Crashs weniger lernen kann, als man denkt
Jeder große Einbruch wirkt im Rückblick angekündigt. Die Warnzeichen sind aufgeschrieben, die Kritiker werden zitiert, der Auslöser steht in jedem Rückblick. Was in keinem Rückblick steht: die Dutzende Male, in denen dieselben Warnzeichen auftraten und nichts passierte.
- Der Rückschaufehler. Was eingetreten ist, erscheint im Nachhinein als das Wahrscheinliche. Deshalb wirkt jede vergangene Krise vorhersehbar und jede künftige nicht.
- Die überlebenden Warner. Wer eine Krise vorhergesagt hat, wird zitiert. Wer dieselbe Vorhersage in den zehn Jahren davor jedes Jahr gemacht hat, wird nicht erwähnt.
- Die Auslöser wiederholen sich nicht. Keine der großen Krisen begann so wie die vorige. Wer sich auf die Erkennungszeichen der letzten vorbereitet, ist auf die nächste besonders schlecht vorbereitet.
Was sich stattdessen lernen lässt, ist die Größenordnung: Rückgänge dieser Art gehören dazu, sie kommen unangekündigt, und die Erholung dauert unterschiedlich lang. Das genügt für eine Vorbereitung – und mehr ist ehrlicherweise nicht zu haben.
Was du dir merken solltest
- Rückgänge von 20 Prozent und mehr sind normal, nicht außergewöhnlich.
- Das Ausmaß sagt wenig über die Erholungsdauer – die politische Reaktion sagt mehr.
- Wer verkauft hat, verpasste historisch den stärksten Teil der Erholung.
- Deshalb gilt: nur Geld anlegen, das lange liegen bleiben kann.
- Der Krisenplan wird vorher geschrieben und im Rückgang nur noch gelesen.
- Jede Krise wirkt im Rückblick angekündigt. Das liegt am Rückblick, nicht an der Krise.
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