Woher der Zins kommt
Eine Bank kann überschüssiges Geld bei der Notenbank parken und bekommt dafür den Einlagenzins. Das ist ihre Alternative zu deinem Tagesgeld – und damit die natürliche Obergrenze dessen, was sie dir zahlen wird. Mehr zu zahlen, als sie risikolos bekommt, ergibt nur Sinn, solange sie damit etwas anderes erreicht: neue Kunden zum Beispiel.
Deshalb bewegt sich der Tagesgeldzins des Marktes ungefähr mit dem Einlagenzins – aber nicht symmetrisch. Sinkt der Leitzins, sinken die Tagesgeldzinsen meist binnen Wochen. Steigt er, dauert die Weitergabe oft Monate. In der Praxis reagieren viele Kunden auf Zinsänderungen erst verzögert – entsprechend träge folgt der Marktdurchschnitt.
Angebote richtig lesen
Vier Angaben entscheiden darüber, was von einer beworbenen Zahl übrig bleibt:
- Für wen und wie lange? Der beworbene Satz gilt oft nur für Neukunden und nur für sechs Monate. Danach fällt er auf den Bestandskundenzins, der ein Vielfaches darunter liegen kann.
- Bis zu welchem Betrag? Häufig gilt der Aktionszins nur bis zu einer Obergrenze. Darüber liegt das Geld zum Bestandssatz – wer den Durchschnitt rechnet, kommt auf eine ganz andere Zahl.
- Wann wird gutgeschrieben? Monatlich, quartalsweise oder jährlich. Bei monatlicher Gutschrift verzinsen sich die Zinsen mit; der effektive Satz liegt dann leicht über dem nominalen.
- Was kostet der Wechsel? Kontoeröffnung, Identifizierung, Umbuchen – zusammen eine gute Stunde. Bei einem halben Prozentpunkt Unterschied auf 5.000 Euro sind das 25 Euro im Jahr. Ob sich das lohnt, ist eine ehrliche Rechnung wert.
Steuern auf Zinsen
Zinserträge sind Kapitalerträge. Deutsche Banken behalten davon Abgeltungsteuer, Solidaritätszuschlag und gegebenenfalls Kirchensteuer ein und führen sie ab – zusammen rund ein Viertel bis gut ein Viertel des Ertrags. Du bekommst netto gutgeschrieben, ohne selbst etwas tun zu müssen.
Die Zahl, die am Ende zählt
Vom beworbenen Zins geht erst die Steuer ab, dann die Inflation. Was übrig bleibt, ist der reale Ertrag nach Steuern – und der ist in Zeiten mäßiger Zinsen regelmäßig negativ. Das ist kein Argument gegen Tagesgeld, sondern eines dafür, nur so viel darauf zu halten, wie der Zweck verlangt.
Wie viel gehört überhaupt aufs Tagesgeld
Tagesgeld hat genau eine Aufgabe: verfügbar sein. Alles, was darüber hinaus dort liegt, erfüllt keine Aufgabe mehr – es verliert nur langsamer an Kaufkraft als auf dem Girokonto. Die sinnvolle Menge ergibt sich deshalb nicht aus dem Zins, sondern aus dem Zweck.
- Der Notgroschen. Drei bis sechs Monatsausgaben, je nach Sicherheit des Einkommens. Er gehört ausschließlich hierher, weil er jederzeit vollständig verfügbar sein muss.
- Absehbare Ausgaben der nächsten zwei bis drei Jahre. Ein Auto, eine Renovierung, eine Kaution. Was in diesem Zeitraum gebraucht wird, verträgt keine Schwankung – unabhängig davon, wie gut die Aussichten am Aktienmarkt sind.
- Der Puffer für unregelmäßige Jahreskosten, wenn er nicht ohnehin auf einem eigenen Konto liegt.
- Alles andere gehört nicht hierher. Wer über Jahre größere Beträge auf Tagesgeld hält, hat keine sichere Anlage, sondern eine mit einem anderen Risiko: dem, das nie auf dem Auszug erscheint.
Der Realzins ist die einzige Zahl, die zählt
Nominal steigt ein Guthaben immer. Ob es real wächst, entscheidet der Abstand zwischen Zins und Teuerung – und dieser Abstand war in Deutschland über lange Strecken negativ, auch in Jahren mit auffällig hohen Zinssätzen. Ein Zins von 4 Prozent bei 6 Prozent Teuerung ist ein Verlust, ein Zins von 1 Prozent bei 0 Prozent Teuerung ein Gewinn.
Warum Lockangebote so verlässlich funktionieren
Ein Neukundenzins für sechs Monate ist keine Großzügigkeit, sondern eine Rechnung: Die Bank zahlt einmalig einen Aufschlag und behält dafür einen Kunden, der danach mit hoher Wahrscheinlichkeit bleibt. Sie kalkuliert also mit der Trägheit – und sie behält recht.
- Der Aktionszins gilt für einen befristeten Zeitraum und oft nur bis zu einer Obergrenze. Was darüber liegt, wird zum Grundzins verzinst, der deutlich niedriger sein kann.
- Nach Ablauf fällt der Zins ohne Mitteilungspflicht. Tagesgeld ist täglich änderbar; eine Benachrichtigung ist üblich, aber nicht überall selbstverständlich.
- Der Vergleich lohnt sich nur mit dem Zins, der nach der Aktion gilt. Ein Angebot mit hohem Lockzins und schwachem Grundzins ist über zwei Jahre gerechnet oft schlechter als ein durchgehend mittleres.
- Ein Wechsel kostet Zeit, kein Geld. Wer ihn nicht macht, zahlt dafür mit dem Zinsunterschied – das ist die einzige Stelle beim Tagesgeld, an der eigenes Zutun messbar etwas bringt.
Was du dir merken solltest
- Der Einlagenzins der Notenbank ist die Obergrenze dessen, was Banken zahlen können.
- Senkungen werden schnell weitergegeben, Erhöhungen langsam.
- Vier Fragen an jedes Angebot: für wen, wie lange, bis zu welchem Betrag, wie oft gutgeschrieben.
- Der Freistellungsauftrag ist teilbar, aber insgesamt nur einmal ausschöpfbar.
- Tagesgeld hat eine Aufgabe: verfügbar sein. Was darüber hinaus dort liegt, erfüllt keine.
- Erst Steuer, dann Teuerung – der Staat besteuert auch den Teil des Zinses, der nur den Kaufkraftverlust ausgleicht.
- Ein Aktionszins ist eine Wette der Bank auf die eigene Trägheit des Kunden.
- Verglichen wird der Zins nach der Aktion, nicht der während.
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